Gebärmuttersenkung & Blasensenkung: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
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- 1 Gebärmuttersenkung & Blasensenkung: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Ich habe in meinem beruflichen Alltag viel mit Frauen und insbesondere Müttern zu tun. Manche kommen zu mir und wissen schon, dass sie eine Senkung haben. Manche erkennen sich im Aufklärungsteil meines Beckenboden-Kurses wieder und sind dann verunsichert. Viele Frauen verlassen die gynäkologische Untersuchung mit der Diagnose „Senkung“, manche fühlen sich dann alleingelassen wenn es heißt „wir warten ab“ oder „Sie haben Kinder geboren, das ist jetzt so“.
Mit der neuen S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis gibt es erstmals eine wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlung auf höchstem Leitlinienniveau. Und ihre wichtigste Botschaft gefällt mir besonders gut: Die Frau mit ihren Beschwerden steht im Mittelpunkt!
Neue S3-Leitlinie Descensus genitalis
Die neue Leitlinie wurde von der Deutschen, der Österreichischen und der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie gemeinsam erarbeitet bzw. aktualisiert. [1]
Ganz neu ist, dass es eine S3-Leitlinie ist (im Vergleich zu S2e vorher). Das heißt sie ist im Vergleich zur alten durch einen strengeren, strukturierteren Prozess gegangen. Zusätzlich war auch eine Patiennenvertretung dabei.
Die größten Neuerungen
Es gibt einige Neuerungen, die meiner Meinung nach wichtigsten sind diese:
- Empfehlungsrade und sog. Evidenzstärken haben sich geändert. D.h. viele Therapien konnte mit besser Evidenz empfohlen werden
- ganz neu aufgenommen wurde das Thema Therapie der Senkung bei noch nicht abgeschlossener Familienplanung
- Auch neu aufgenommen: Das Thema Prävention von Senkungen
- neue OP-Techniken wurden ergänzt
Diagnostik einer Organsenkung
Die bisherigen Inhalte der Diagnostik wie Anamnese der Beschwerden (Inkontinenz, Fremdkörpergefühl etc.), gyn. Untersuchung und POP-Q bleiben erhalten.
Neu: es wird empfohlen, standardisierte Fragebögen zu Lebensqualität, Beschwerden, Sexualfunktion, Darm- und Blasenfunktion zu nutzen.
Meinem Empfinden nach wird der wahrgenommenen Schwere der Symptomatik durch die Frau selbst jetzt mehr Gewicht eingeräumt als vorher. Gleichzeitig wird aber auch gesagt, dass eine asymptomatische Senkung – also eine, die zwar objektiv feststellbar ist, aber keinerlei Beschwerden macht – nicht operiert werden (S. 114).
Zusätzlich wird empfohlen, die klinische (=vaginale) Untersuchung auch in Stehen zu machen, wenn im Liegen und bei Husten etc. die Beschwerden der Frau nicht reproduziert werden können (S. 89). Das ist für mich ein riesiger Schritt. Denn: ich hatte in den letzten Jahren immer wieder Kontakt mit Frauen, die Beschwerden wie Fremdkörpergefühl hatten, denen dann aber nach der liegenden Untersuchung auf dem Gyn-Stuhl gesagt wurde, dass sie keine Senkung haben.
Ergänzend sollte ein Ultraschall des Beckenboden gemacht werden; liegt der Verdacht einer Levatoravulsion vor, auch ein 3D-Ultraschall.
Typische Symptome einer Senkung
Wenn du nun denkst „Super, aber woran mache ich jetzt fest, ob ich eine Senkung haben könnte?!“ – hier kommt deine Antwort.
Für eine Senkung gibt es einige typische Symptome:
- Fremdkörpergefühl, Druckgefühl nach unten, manchmal verbalisiert als „ich habe das Gefühl, meine Organe fallen unten raus“
- Unvollständige Blasenentleerung – du bist auf der Toilette und hast das Gefühl, dass deine Blase nicht ganz leer wird
- Schwierigkeiten, die Blase zu entleeren: du musst drücken/press zum Pipimachen, dein Urinstrahl tröpfelt nur oder du musst, aber es kommt nichts
- plötzlich einsetzender, extrem starker Harndrang – mit oder ohne Inkontinenz; mehrmals nachts zur Toilette müssen
- Probleme mit der Darmentleerung wie bspw. nur mit Pressen oder ausstreichen
- Urininkontinenz, v.a. die sog. Belastungsinkontinenz beim Niesen, Husten, Hüpfen etc.
Ich möchte dich hier ermutigen: solltest du eines oder mehrere dieser Symptome bei dir feststellen, dann suche bitte ärztlichen Rat. Es ist nicht „normal“, nur weil du Kinder bekommen hast oder in der Menopause bist.
Therapie einer Organsenkung
Zunächst soll eine Frau nach der Diagnose aufgeklärt werden. Diesem Aufklärungsgespräch wird in der Leitlinie eine große Bedeutung beigemessen. Die Patientin soll eine informierte Entscheidung treffen können-
Neben Angaben zur Erkrankung der Frau (in diesem Fall welches Organs – Blase, Gebärmutter und/oder Rektum – betroffen ist und wie stark die Senkung ausgeprägt ist), soll über die Behandlungsoptionen aufgeklärt werden: Beobachtung, Beckenbodentherapie, Pessar, Operation). Diese stelle ich dir jetzt näher vor.
Konservative Therapie der Organsenkung
1) Beobachten und Hormonersatztherapie
Die Expert*innen sind sich einige, dass Frauen über Risikofaktoren wie Adipositas, Rauchen und chronische Verstopfung aufgeklärt werden sollten. Da man auch beobachten konnte, dass sich die Senkung ohne Therapie zurückbilden konnte, ist Beobachten eine Option. Ergänzend kann eine lokale Anwendung von Östrogen in der Vagina helfen, wiederholte Harnwegsinfekte, Trockenheitsgefühl zu verringern.
2) Beckenbodentraining
Ein gezieltes und spezifisches Beckenbodentraining soll bei Descensus genitales Stadium I und II angeboten werden.” (S. 117). Diese Aussage hat die höchste Evidenz- und Empfehlungsstärke! Was ich im Vergleich zur alten Leitlinie besonders gut finde: Es gibt ein Unterkapitel ‚Qualität der Physiotherapie‘, in dem explizit gesagt wird: „Eine Beckenbodentherapie sollte von einer spezialisierten Physiotherapeut*in mit entsprechender Ausbildung in Beckenbodenphysiologie, Pathophysiologie und Beckenbodenpalpation durchgeführt werden.“ (S. 119). In Studien zur Qualität der Physio wurde häufig eine korrekte Beckenbodenkontraktion zu Grunde gelegt, die Physios durch Palpation ermittelt haben und die mit einer ‚unspezifischen Beckenbodengymnastik‘ nicht gleichgesetzt werden kann. Deshalb gibt es dies konkrete Empfehlung zur Physio mit Palpation. Das ist ein absoluter Meilenstein!
3) Pessar
Kurz gesagt: Ein Pessar soll als Therapieoption empfohlen werden. Dieses Kapitel der neuen Leitlinie ist deutlich ausführlicher. Es geht auch auf die unterschiedlichen Formen der Pessare ein, was zuvor nicht der Fall gewesen ist. Außerdem zeigt es die Indikationen dafür auf wie: Wunsch nach konservativer Therapie, nicht abgeschlossene Familienplanung, OP rauszögern.
Operative Therapie der Senkung
Die neue Leitlinie empfiehlt eine Operation vor allem dann, wenn
- deine Beschwerden stark ausgeprägt sind,
- deine Lebensqualität erheblich eingeschränkt ist,
- konservative Maßnahmen nicht ausreichen oder für dich nicht infrage kommen,
- und du dich nach einer ausführlichen Aufklärung bewusst dafür entscheidest
Es werden verschiedene neue OP-Techniken ausgeführt. Wichtig ist bei alledem: die Frau soll aufgeklärt und mit in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.
Therapie der Senkung bei nicht abgeschlossener Familienplanung
Für mich ist es eine halbe Revolution, dass dieses Kapitel in die neue Leitlinie explizit mit aufgenommen wurde. Weil ich in meinem Arbeitsalltag mit vielen Betroffenen zu tun habe, die sich ein weiteres Kind wünschen und sich fragen, wie das dann alles werden soll.
Die Expert*innen sind sich einig, dass Frauen mit nicht abgescshlossener Familienplanung primär eine konservative Therapie angeboten bekommen sollen. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, kann auch eine Operation angeboten werden. Selbstverständlich sollte dabei die Gebärmutter erhalten bleiben (es gibt nämlich auch OPs, bei denen die Gebärmutter entfernt wird).
Im Bezug auf eine Geburt nach einer OP schreiben die Expert*innen: „Die Datenlage ist nicht eindeutig, um Empfehlungen zum postoperativen Geburtsmodus zu geben. Diese Entscheidung muss Gegenstand des Aufklärungsgespräches sein und den Wunsch der Frau berücksichtigen.“ (S. 199).
Prävention
„Prävention bezeichnet zielgerichtete Maßnahmen, die geeignet sind, das Risiko für Erkrankungen zu verringern bzw. ihr Auftreten zu verzögern. Maßnahmen der Primärprävention sollen dabei die Entstehung der Krankheit verhindern. Die Sekundärprävention dient der Früherkennung und damit der Möglichkeit, eine Therapie einzuleiten, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Die tertiäre Prävention soll weitere Krankheitsfolgen bzw. auch Rezidive vermeiden.“ (S. 200)
Ich finde es gut, dass dieses Kapitel aufgenommen wurde. Aktuell muss man leider sagen, dass die Datenlage im Bezug auf Prävention dünn ist, aber sie wird aufgeführt.
Eine Aufklärung über Beckenbodenfunktion und Risikofaktoren ist sinnvoll, weil viele Frauen zu wenig Wissen über ihn und seine Funktionsstörungen haben. Die hatte ich vor meiner ersten Geburt auch nicht, obwohl ich einen Master in Sportphysiologie und Sporttherapie habe. Der Beckenboden kam höchsten am Rand kurz vor.
Ein Punkt, warum ich es wichtig finde, dass Patientinnenvertreter an der Leitlinie beteiligt waren: es wird explizit erwähnt, dass sich Frauen mehr Aufklärung über mögliche Auswirkungen von Schwangerschaft und Geburt auf ihren Beckenboden wünschen. Aus meiner Erfahrung der letzten Jahre kann ich sagen, dass oft deutlich über die Risiken eines Kaiserschnitts aufgeklärt wird, jedoch selten über die Risiken einer vaginalen Geburt. Und wer weiß, ich selbst mich nicht für einen Kaiserschnitt entschieden hätte (den ich eigentlich nicht wollte), hätte ich gewusst, dass mir bei der Geburt ein Teil meines Beckenbodens abreißt…
Insgesamt spricht die Leitlinie aus: „Frauen sollten über die Funktion des Beckenbodens und Risikofaktoren für die Entwicklung einer Beckenbodeninsuffizienz, insbesondere Schwangerschaft und Geburt besser informiert werden.“ und „Frauen sollten über Möglichkeiten der Beckenbodenprotektion und -therapie (prä- und postpartale Physiotherapie, postpartale Pessartherapie, Normalgewicht, nicht rauchen) informiert werden.“ (S. 212).
Was bedeutet das für dich?
Wenn du eine Blasen-, Gebärmutter- oder Darmsenkung hast, musst du nicht sofort an eine Operation denken. Die neue Leitlinie bestätigt wissenschaftlich das, was viele spezialisierte Therapeutinnen und Therapeutinnen schon lange erleben: Eine gute konservative Behandlung kann einen großen Unterschied machen. Dazu gehören zum Beispiel:
- ein individuell angepasstes Beckenbodentraining,
- sinnvolle Belastungssteuerung im Alltag,
- der Aufbau einer stabilen Körpermitte,
- eine passende Pessarversorgung
- und ein besseres Verständnis dafür, wie dein Körper funktioniert
Das heißt natürlich nicht, dass du eine OP komplett ausschließen solltest. Wenn du keine konservative Therapie wünschst oder diese nicht den gewünschten Erfolg zeigt, ist eine OP möglich. Aber eben nicht als erste Option.
Mein persönliches Fazit
Als Trainerin für Beckenboden und Rektusdiastase freue ich mich über diese neue Leitlinie. Nicht, weil plötzlich alles anders geworden ist, sondern weil wissenschaftlich bestätigt wird, was ich Frauen jeden Tag mitgeben möchte:
Du bist mehr als dein Befund.
Eine Senkung bedeutet nicht automatisch eine Operation. Und sie bedeutet schon gar nicht, dass du auf Sport, Bewegung oder einen aktiven Alltag verzichten musst. Mit der richtigen Begleitung, Geduld und einer Therapie, die zu dir passt, kannst du oft deutlich mehr erreichen, als du vielleicht gerade glaubst. Und genau das ist für mich die Frage: was brauchst du, um dich in deinem Körper wieder sicher und stark zu fühlen.
Deine Carina
Quellen:
[1] S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau. Version 6.0. chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://register.awmf.org/assets/guidelines/015-006l_S2e_Descensus_genitalis-Diagnostik-Therapie_2026-06.pdf



